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Projekt für einen hydroelektrischen Staudamm am Rizzanesefluß in Korsika

Im Naturpark Korsikas am Rizzanesefluß wird der Bau einer Talsperre in Erwägung gezogen. Dieses Vorhaben ist ein großer Irrtum. Ein solcher Staudamm würde viele Nachteile haben, die natürliche Umwelt und den menschlichen Lebensraum auf nicht wiederherstellbare Weise verunstalten und gleichzeitig die wirtschaftlichen Ressourcen für die Mikroregion sterilisieren.

Der Staudamm hat eine doppelte Zielsetzung : Stromerzeugung und Wasser für die Landwirtschaft. Für die Stromerzeugung müßte vom Rizzanese auf Höhe der Talsperre der größte Teil seines Wassers abgeleitet und unterirdisch an dem Flußtal vorbeigeführt werden, wo nur noch ein Rinnsal übrig bliebe. Erst 12 km unterhalb soll das abgeleitete Wasser wieder dem Flußtal zugeführt werden. Dort, wo es mit Hilfe des Damms hingeführt werden soll, ist jedoch schon ausreichend Wasser vorhanden. Unterhalb der Anlage wird nur wenig Ackerbau und etwas Rinderzucht (Kühe) betrieben. Jede Untersuchung an Ort und Stelle wird ergeben, daß diese Gegend sich nicht für die Landwirtschaft eignet.

Die Stromerzeugung würde sich als defizitär erweisen. Bei einer Investition von ca. einer Milliarde französischer Franken würde der Selbstkostenpreis bei 1,29 FF pro KWSt liegen, während der derzeitige Verkaufspreis 0,32 oder 0,53 F beträgt. Das Defizit würde höher als der Umsatz sein.

EDF (Elektrizitätswerk Frankreichs) stellte bei der Gebietskörperschaft Korsika und bei den europäischen Instanzen einen Antrag auf finanzielle Beihilfe.

Dieser Damm wird keine neuen Arbeitsplätze schaffen. Die Anlagen würden automatisch von der Umgebung von Ajaccio aus ferngesteuert werden. Nach den Berechnungen in der Untersuchung vom EDF würde die Baustelle vorübergehend Arbeitsplätze für fünfzig Personen vor Ort schaffen. In der Untersuchung ist außerdem die Rede von der Ankunft von ca. 200 zusätzlichen von außen kommenden Arbeitskräften mit ihren Familien. Diese Arbeitsstunden sind in der Untersuchung aber gar nicht eingeplant. Schon bei den vorbereitenden Arbeiten wurde aber nur mit von außen zugezogenem Personal vom EDF oder von der SOGEA-Côte d’Azur gearbeitet.

Die Suche nach einer illusorischen Unabhängigkeit im Energiebereich darf nicht jegliches Vorhaben rechtfertigen. Der wirtschaftliche Nutzen soll steuerlicher Art sein. Das heißt, daß der Damm weder rentabel sein noch sich sonst wirtschaftlich positiv auswirken würde.

Die Gemeinden setzen hauptsächlich auf Steuereinnahmen und Entschädigungen. Sie vergessen das Endziel des Vorhabens und seine schrecklichen Folgen. Einige aber nicht alle der betroffenen Gemeinden sind stark verschuldet. Es wäre für sie besser, wenn sie Sonderetats erhalten würden, für die Rechtfertigungen existieren : für die Insellage, den wirtschaftlichen Rückstand, die Entwicklung der Kommunikationswege, Förderung des Erbes, Entwicklung der Naturtouristik, usw.

Eine grosse Wassermenge würde aus der Talsperre entnommen und dem Fluß erst 12 km später wieder zugeführt werden. Der Fluß in dem umgangenen Tal würde nicht mehr die Kraft haben, Geröll und Substanzen mitzureißen und zu zerkleinern. Das Tal würde großen Schaden leiden : die Forellen könnten nicht mehr den Fluß runter schwimmen und würden in Anbetracht der geringen Wassermenge und der Wassererwärmung nicht überleben. Die Aale würden ihn nicht mehr raufschwimmen.

Nach Aussage der Experten ist das Risiko der Wasserverseuchung groß. Die für alle Gemeinden der Umgebung lebenswichtige Pumpstation steht in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht im Widerspruch zu dem Talsperrenprojekt und ist sogar unvereinbar mit ihm.

In dem Wasserbecken würden auch alle Festkörperchen " aufgefangen " werden, die zur Bildung der Sandstrände an der Küste beitragen. Nach den Erwartungen der Experten wird einerseits der Strand hinter Propriano innerhalb von wenigen Jahrzehnten nach dem Bau eines Staudamms am Rizzanese verschwinden und andererseits das Auffangbecken nach der 75jährigen Konzession voll mit Ablagerungen auffüllt sein.

Der Rizzanese ist bisher noch nie trocken gewesen. Die Untersuchung vom EDF über den Wasserhaushalt des Flusses baut nicht auf vorhergehenden Informationen auf, so daß die angegebenen Wassermengen strittig sind. 10% des Wasservolumens sollen weiterhin dem Flußbett zugeführt werden. Mit einer so geringen Wassermenge kann der Fluß nicht über 12 km überirdisch fließen, sondern wird teilweise unter den Anschwemmungen verschwinden. Für den Fremdenverkehr und den Natursport wäre das eine Katastrophe.

Die natürliche Umwelt im Rizzanesetal ist von beeindruckender Schönheit. Die historischen und archäologischen Spuren sind noch kaum erschlossen. Die Traditionen stellen einen noch ungenützten Reichtum dar.

Dieser Staudamm soll im Naturpark Korsikas gebaut werden, Der für das Auffangbecken vorgesehene Talkessel genießt eine berühmte Aussicht auf Quenza, Incudine Coscione, Zonza und die Bergnadeln von Bavella. Diese Hochpunkte des Fremdenverkehrs und die prähistorischen Orte wie Cucuruzzu würden durch die geplante " Raumgestaltung " zerstört werden.

An, auf und unterhalb der Talsperre sollen aus Sicherheitsgründen und in Anbetracht technischer Erfordernisse Fischen, Schwimmen Segel- oder Wassersport oder sonstige touristische Vergnügungen verboten werden. Entsprechende Warnschilder würden überall im Tal unterhalb des Stausees angebracht werden. In Anbetracht der geringen Wassermenge würde es sowieso weder Fische noch Fischer, Schwimmer oder Kajakfahrer geben.

Auf der 12 km langen Flußstrecke, die umgangen werden soll, liegen über zwanzig wundervolle Wasserfälle und kleine, natürliche Schwimmbecken bildende Seen für Menschen und Fische.

Um das für die Tausperre vorgesehene Auffangbecken und das Stromwerk herum gibt es manche Spuren der Vergangenheit. In direkter Nähe der Talsperre befinden sich die Kirche Sant’Antonio, ein kleines römisches Siedlungsgebiet und eine bemerkenswerte, von dem Bauherrn des Kampanile von Carbini erbaute Brücke, die archäologische Stätte von Cucuruzzu und andere jungsteinzeitliche Standorte.

Unterhalb der Umgehungsstrecke, direkt neben dem geplanten Elektrizitätswerk, steht die bemerkenswerte romanische unter Denkmalschutz stehende Kirche Saint-Jean Baptiste. Schon zur Römerzeit wurde dieser Ort bewohnt.

Das Stauwerk würde ein Handicap für die Zukunft sein. Die betroffenen historischen Orte und Landschaften sind das Geschäftskapital des heutigen Korsikas, sein echter Wirtschaftsreichtum. Es gilt, ihn richtig zur Geltung zu bringen.

Die Strandveränderungen würden das Fortbestehen seltener Pflanzen wie Anchusa crispa (Siehe Richtlinie 92/43/EWG über natürliche Lebensräume) bedrohen.

Pflanzen wie " Osmonde de plumier " würden in dieser Gegend verschwinden. Gewisse geschützte Tierarten, wie der korsische Mufflon oder der korsische Hirsch, die in der Umgebung des für die Talsperre vorgesehenen Raums wieder eingeführt wurden, sind bedroht.

Staudämme blockieren den Raum und die Natur praktisch für immer. Warum soll das Wasser durch endgültige Entscheidungen, die den Fluß und die Wirtschaftsressourcen eines Tales ruinieren würden, für ein Talsperrenprojekt geopfert werden, das sich nicht vertreten läßt.

Mit einem Projekt wie mit dem Rizzanesestauwerk wird eine verrückte Spekulation betrieben Gerade im Fremdenverkehrsbereich liegen die wichtigsten Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten Korsikas. Es wäre absurd, gerade dieses Potential durch Subventionen und Inaussichtstellung von Steuereinnahmen ersetzen zu wollen.

Am Ufer des Rizzanese tummeln sich viele Schwimmer. Zahlreiche Korsen und Ausflügler aus aller Herren Ländern verbringen hier gerne im Sommer ihre Tage. Die Touristen interessieren sich nicht mehr nur für Ferien am Strand oder auf dem Meer sondern immer mehr auch für Erholung im grünen Hinterland Korsikas.

Anstatt sterile Investitionen wie für dieses Talsperrenprojekt zu befürworten, das bestenfalls kurzfristige, passive Einnahmen verspricht und zu Lasten des natürlichen Reichtums geht, sollte die öffentliche Hand vielmehr entwicklungsfördernde Infrastrukturmaßnahmen unterstützen.

Zu empfehlen wären eher Finanzierungen für den Straßenbau zur besseren Verbindung Zwischen den Dörfern und Städten, Straßentunnel zur Verbindung einzelner Täler, Anlage und Ausbau von Wanderwegen, zum Beispiel längs des Flußufers. Gefördert werden sollte der Bau von Empfangsstrukturen für den Fremdenverkehr außerhalb der Saison: Beherbergungs- und Restaurationsmöglichkeiten, Aufenthaltsgestaltung, Führungen zur Entdeckung von Natur und Bräuchen etc.

Das Talsperrenprojekt verurteilt sich selbst und darf nicht in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Es ist durch Vorhaben zu ersetzen, die für Korsika, für den regionalen Naturpark und die Mikroregion positiv sind. Benötigt werden Mittel für eine umweltverträgliche Wirtschaftsentwicklung.

Oktober 1998

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